1990-Systemunabhängige Kunstpositionen in den letzten Jahren der DDR.

Ausstellung verlängert

Als wahrer Publikumsmagnet hat sich die diesjährige Sommer-Ausstellung im Kulturhaus Mestlin erwiesen. Deshalb hat sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. entschieden, die bis zum 2. August 2020 geplante Ausstellung „1990 – Systemunabhängige Kunstpositionen in den letzten Jahren der DDR“ nun bis zum 6. September 2020 zu verlängern.

Ein Blick ins Gästebuch lässt erahnen, dass es interessierte Betrachter der außergewöhnlichen Projekte aus der Wendezeit aus ganz Deutschland nach Mestlin verschlagen hat. Ob es der Foto-Film von Tina Bara „Lange Weile“ ist, der die Zuschauer mit seiner subversiv melancholischen Auflehnung in den Bann zog, oder die surreale Performance der Auto- Perforations-Artisten, wie auch die aggressiv-lebensbejahende Klanginstallation von Punkmusik im großen Theatersaal – die Begeisterung ist niedergeschrieben. Sogar die Mitteilung, ein zweites Mal zu kommen, um die Ausstellung erneut auf sich wirken zu lassen, lässt sich nachlesen. 

Tina Bara, Lange Weile, Foto-Film, HDV, Ton, 62 Minuten

Die geistige Vorhut der Wendezeit

Das Kunstprojekt 1990  konfrontiert das architektonische Sinnbild einer staatlich reglementierten Politik – das ehemalige DDR-Musterdorf Mestlin – mit alternativer Kunst. Kein kunstwissenschaftlich abwägender Blick sonder eine zutiefst subjektive künstlerische Interpretation der letzten Jahre der DDR ist das Thema der Ausstellung. Kurator ist der in Plüschow lebende bildende Künstler Udo Rathke, der als Kunststudent in Berlin und als junger Künstler in Mecklenburg den Wandel der Kunstszene damals miterlebt hat.

Zum Ende der achtziger Jahre war vielen Künstlerinnen und Künstlern nicht mehr an einem Konsens mit den sozialistischen Verhältnissen und ihren Vertretern gelegen. Sie wandten sich ab von jeder Art staatlicher Reglementierung und ignorierten die offiziell vorgegebenen Modelle. Künstlerische Produktion wurde identitätsstiftend. Die Künstlerinnen und Künstler nutzten die zunehmende Unsicherheit des Staates und die sich dadurch öffnenden Freiräume. Innerhalb, mittels oder gegen staatliche Strukturen entstanden Netzwerke, die eine völlig neue Art der Kreativität erlaubten.

Micha Brendel, Vier letzte Bilder II, 1988-90, Silbergelantineprint, Öl, Asphalt auf Hartfaserplatte, 100 x 100

Kurator Udo Rathke wählte für sein künstlerisches Zeitpanorama Künstlerinnen und Künstler aus, die im Gesamtgefüge von staatlicher Bevormundung der DDR und individueller Beharrlichkeit durch eine stringente künstlerische und menschliche Selbstbehauptung in der „bleiernen Zeit“ hervortraten. Diese sich unabhängig verwirklichende Kunstszene wurde zu einer eindrucksvollen geistigen Vorhut, die auf ihre Weise den Untergang des politischen Systems vorwegnahm und faktisch beschleunigte.

Deshalb ist die Besetzung dieses traditionsreichen sozialistischen Kulturhauses durch die Subkultur der DDR eine Provokation. Aber keine Sorge: der Protest hält die gebotenen Abstandsregeln ein, wie es Christoph Tannert in seiner Eröffnungsrede formulierte.
Der Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. thematisiert mit diesem Kunstprojekt den Tag der Herstellung der Einheit Deutschlands, der sich in diesem Jahr zum 30 Mal jährt.

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Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:

Micha Brendel, Auto-Perforations-Artisten, Tina Bara, Jörg Herold, Uta Hünniger, York der Knoefel, Lücke-TPT, Oskar Manigk, Holger Stark, Michael Wirkner

Eröffnung der Ausstellung:

Begrüßung: Takwe Kaenders, Denkmal Kultur Mestlin e.V.

Zur Ausstellung: Udo Rathke, Kurator

Einführung: Christoph Tannert, Kunsthistoriker, Berlin

Samstag, den 27.6.2020 um 15 Uhr